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 Gruber Ludwig · Druckgrafik


Jakob-Rupp-Straße 3
83043 Bad Aibling
Telefon: 08061-5034


Vita

*1935 in Mainburg/Niederbayern
Autodidakt
Malt und zeichnet seit 1975 und lernte unter anderem bei:
– Gerd Scheuerer, München
– Eva Möseneder, Salzburg
– Anton Drioli, Salzburg
– Kunito Nagaoka, Kyoto

Berufliche Tätigkeiten
Straßenplaner, Parteisekretär, Entwicklungshelfer, Erwachsenenbildner

Arbeitsaufenthalte im Ausland
1970 – 1972 Bolivien
1982 Republik Südafrika
1985 Bolivien
1991 Brasilien (Amazonien)

Reisen
Israel, Chile mit Feuerland, Peru, Kolumbien, Karibik (San Andres),
Costa Rica, Nigaragua, Guatemala, Mexiko, Norwegen, Schweden,
Finnland (Aland), Italien, Tibet, Nepal, Ägypten, Frankreich, Niederlande

Ludwig Gruber lebt und arbeitet in Bad Aibling


Ausstellungen

1988 Rosenheim, Sternstraße 1
1996 Rosenheim, Bildungszentrum
1997 Rosenheim, Stadtbibliothek
2000 Rosenheim, Städtisches Museum
2002 Bad Aibling, Kunstverein
2005 Salzburg, "English Elements" mit Hilde Manzke
2006 Straubing, Vereinigung Bildender Künstler, mit Octavia Hanel
2007 Prien, Volkshochschule
2008 Rosenheim, Kunstzelle Fürstätt
Freising, Kardinal-Döpfner-Haus am Domberg
Beteiligung an Ausstellungen der Kunstvereine Rosenheim, Bad Aibling, und Prien

2004 bis 2007 Mitarbeit an der Neugestaltung der Stadtpfarrkirche St. Nikolaus, Rosenheim

Öffentliche Ankäufe
Bayerische Staatsgemäldesammlungen, München
Stadt Rosenheim, Stadt Bad Aibling
Viking Linien Mariehamn/Aland (Finnland)


Kunst

Ludwig Gruber – SCHRIFTliches – Druckgrafik

 

    
     
 
     
 
     
 

Eröffnungsrede zur Ausstellung in der VHS Prien, Freitag, 13. April 2007

Vielleicht haben Sie es noch nicht bemerkt, aber bei dieser Ausstellung haben wir es mit dem seltenen Glücksfall zu tun, dass bereits das Plakat die gesamte Biografie des ausstellenden Künstlers belegt, nämlich den Lebensweg des Druckgrafikers Ludwig Gruber aus Bad Aibling. Voraussetzung ist, dass man versteht, dieses Plakat zu lesen. Und deshalb stehe ich nun hier, denn ich wurde darum gebeten, Ihnen eine einschlägige Lesehilfe für diesen Weg und für den Weg durch die Zeichen in dieser Ausstellung zu geben. Schauen wir uns also dieses Plakat an und sammeln wir die Einzelteile, aus denen dieses Bild besteht.
Sie sehen eine Landkarte und rote Zeichen. Das scheint zunächst nicht viel. Für eine ganze Biografie muss sich wohl einiges dahinter verbergen. Und das tut es auch, denn Ludwig Gruber weist in seinen Druckgrafiken immer ein wenig über das hinaus, was tatsächlich vor Augen steht. Immer wieder scheint das, was greifbar ist, Zeichen für etwas darüber, dahinter, für etwas zunächst Verborgenes zu sein. „Zeichenhaft“ war der Titel seiner letzten Ausstellung in Straubing, und das heißt dort wie hier, dass seinem Konkreten etwas Unsichtbares, etwas per Gedankenkraft zu Vergegenwärtigendes hinzuzufügen ist. Und hier werden nun eine Landkarte und diese Zeichen darauf Wegweiser durch die Stationen und die Passionen dieses Künstlers.
Da ist zuerst einmal die Landkarte, auf die diese roten Zeichen gedruckt wurden. Dass Ludwig Gruber ausgerechnet eine Landkarte – und ausgerechnet diese Landkarte – als Druckpapier wählte, hat natürlich einen tieferen Grund. Landkarten haben für Ludwig Gruber von frühester Jugend an etwas Faszinierendes. Schon als Bub ergänzt und aktualisiert er einen Stadtplan seiner Heimatstadt Mainburg, Stadtpläne und Landkarten regen seine Phantasie an, sie sind ihm Chiffren für eine Welt voller plastischer Bilder, ihre Zeichen, ihre Linien, ihre Farben erschließen sich seinem geistigen Auge als lebendige Landschaften. Vorlieben dieser Art beeinflussen schließlich – wenn auch viel später – die Wahl des Berufes. Gruber wird Vermessungsingenieur.
Und schon hier rücken die beiden Elemente des Plakates zu einer gemeinsamen Spiegelfläche für diesen Lebensweg zusammen: Es ist das Zeichen-System, eine Art Zeichen-Alphabeth der Landvermesser, das hier rot aus der Landkarte leuchtet. Hier wurden keine imaginären Hieroglyphen erfunden – hier stehen reale Symbole der Geodäsie, der professionellen Erdvermessung. Diese Codes für trigonometrische Punkte und Signale, für Vermessungs- und Grenzpunkte, rechte und beliebige Winkel, für Nadelwald, Parallele und einiges mehr erinnern an die ganz reale Berufserfahrung dieses Mannes. Und beides, Karte und Symbole, bezeichnen wichtige Teile von wichtigen Lebensstrecken.
Aber zunächst ist wichtig zu wissen, dass das Schreiben – vor allem das schöne Schreiben – Ludwig Gruber von klein auf ein Bedürfnis war. Ich möchte nicht noch einmal den ersten spielerischen Umgang mit Mutters Buchstabensuppe bemühen – aber schon der Schüler hatte einfach Freude am exakten Schreiben mit Tusche und Redisfeder, später in der kartografischen Ausbildung übte er mit wahrer Hingabe, die erstellten Pläne gewissenhaft zu beschriften (heute im Computer-Zeitalter eine Fertigkeit, die schon fast zu den antiken Künsten gehört). Hier kann Ludwig Gruber sein ganz persönliches Spannungsfeld von Akribie und Verspieltheit ausloten. Auch seine private Handschrift zeigt die Liebe zur genauen Ausformung des einzelnen Buchstabens, und noch seine flüchtigen Notizen ergeben immer ein geschlossenes Schriftbild.

Schriftbild

Da haben wir nun das Schlüsselwort zu dieser Ausstellung. Aber bevor ich auf diesen Begriff „Schriftbild“ zurückkomme, müssen wir noch ein wenig bei der Landkarte unter den rot gedruckten Zeichen verweilen. Dieser Untergrund hat natürlich einen Hintergrund. Hier spielt der landvermesserische Aspekt keine so große Rolle, hier erfahren wir mehr über Ludwig Gruber, wenn wir festhalten, welches Land auf dieser Karte dargestellt ist. Sie stammt aus Bolivien und zeigt noch dazu eine Gegend, der sich Gruber keineswegs als Straßenplaner widmete, wie man vielleicht erwarten könnte. Dieses topografische Blatt – und ich meine wirklich dieses Blatt, wie es hier mit diesem Druck zum Unikat gemacht wurde – diese bolivianische Karte begleitete ihn auf einem ganz anderen Abschnitt seines Lebens. Nach einem Gastspiel in der deutschen Politik zum Ende der Sechzigerjahre erlaubte ihm Anfang der Siebziger ein zweijähriger Aufenthalt in Bolivien, mehreren seiner Passionen nachzugehen: als Entwicklungshelfer muss er sogar sein Bedürfnis nach sozialem Engagement einbringen, als Erwachsenenbildner kann er dort sein noch schlummerndes Talent in der Praxis entfalten, als Bergsteiger aus Leidenschaft darf er dort die ersten Hochebenen erleben, und die ersten Sechstausender, die ihn himmelan rufen. Bolivien macht aus dem Mainburger Buben einen weltläufigen Mann. Und besonders deshalb erzählt uns davon diese Karte, weil sie östlich von La Paz genau jene Gegend zeigt, wo er mit seiner Familie wohnte, wo er mit den Indianern die Erfordernisse eines Genossenschaftsprojektes erarbeitete, wo der Mururata und der Illimani den Bergsteiger in ihren Bann zogen. Hier gewann er und hier festigte sich die innere Freiheit für seinen späteren Lebensweg.
Und doch war es noch ein langer Weg bis zu dem Blatt auf einem Ausstellungsplakat. Über viele Jahre hielten ihn seine Arbeit im Vermessungsamt, seine parteipolitische Tätigkeit, sein Einsatz als Entwicklungshelfer in Lateinamerika, sein Beruf als Erwachsenenbildner und über ein Vierteljahrhundert die Geschäftsführung im Bildungswerk und Bildungszentrum Rosenheim davon ab, seinem künstlerischen Schaffensdrang nachzugeben. Aber – weil wir schon bei „Schriftlichem“ sind: Gott kann auch auf krummen Linien gerade schreiben. Endlich, mit vierzig Jahren, platzte sozusagen die künstlerische Ader. Er machte die ersten Malversuche mit zarten, fast scheu anmutenden Aquarellen karger, nördlicher Landschaften. Erst nach einer tiefen gesundheitlichen Krise begannen Malen und Zeichnen den existentiellen Platz in seinem Leben einzunehmen, der ihnen schon immer hätte zukommen sollen.
Ende der Neunzigerjahre erlebte er in seinen Zeichnungen die Lösung von der Zentralperspektive wie eine innere Befreiung. Es ist gewiss für einen gelernten Vermessungsingenieur eine neue Welt, wenn Häuserfronten, Dächer oder Mauern ohne die Gesetze des Winkelmessers aufeinander einwirken. Von da an begann der Weg in die frei gestaltete Form, immer leidenschaftlicher trieb es den Zeichner hin zur Druckgrafik, zur schwarz-weißen Ätzradierung. Erst mit Prägedruck und Aquatinta, mit Lithographie und Linolschnitt erschienen in seinem grafischen Werk allmählich die ersten farbigen Flächen.
Die Erfahrungen in vielfältigen Kulturen und fremden Landschaften verknüpfen sich miteinander, die Ernte eines weltoffenen Lebens, die hier eingefahren wird, beginnt sich im ganz und gar Zeichenhaften niederzuschlagen. Ende der Neunzigerjahre tauchen die ersten spielerischen Versuche in lateinischen Buchstaben auf. Sie markieren die Zeit, in der der eingeschworene Radierer den behutsamen und noch tastenden Schritt von der Aquatintaradierung über den Prägedruck zum Linoldruck vollzieht. Imaginäre Schriftbilder geistern durch sein erstes Linol-Œuvre, die an Inschriften der Maya-Kultur erinnern.
Doch die fast süchtige Hinwendung zu wahren Schriftlandschaften wurde durch die Arbeit in der Stadtpfarrkirche St. Nikolaus in Rosenheim angestoßen, durch die Gestaltung des griechischen und des hebräischen Textes, den Beginn des Neuen und des Alten Testaments, wie sie jetzt an der Stirnseite der Seitenschiffe dort zu sehen sind.
Doch nur die Buchstaben des hebräischen Alefbet mit ihren bildreichen, gleichnishaften Geschichten haben den Landschafter in ihm wieder auf den Plan gerufen. Genüsslich schneidet er im Linoleum ihre lebensvollen Linien nach, ihre schwelgerischen Formen fügt er zu geheimnisvollen Labyrinthen des ganzen Alefbet, dann wieder greift er Ausschnitte heraus, Monogramme und Teilansichten der einzelnen Buchstaben, aus deren floraler Anmutung ihm ein „hebräisches Buchstabengärtlein“ erwächst.
Und da haben wir sie nun, die „Schrift-Bilder“, auf die ich zurückzukommen versprach. Auch die jüngsten Werke sind wieder Lebensbilder. Geometer-Zeichen, auch gedruckt auf Karten der Heimat, jeder Hintergrund ein anderes Blatt aus dem Atlas von Ober- und Niederbayern, somit jedes einmalig und unverwechselbar, jedes ein Unikat. Lebensbilder deshalb, weil ihm auch diese Landschaften ganz und gar vertraut sind, auch diesen Boden hat er betreten, manchmal sogar vermessen. Hier ist das andere Ende dieses Lebensbogens, der mit der Weltläufigkeit der bolivianischen Karte begann. Diese bayerischen Blätter zeugen von dem Wissen um das eigene Werden, sind eine Verneigung vor der Heimat, sind vielleicht ein Zeichen der Dankbarkeit, dass er wieder zu Hause angekommen ist, dass eine Biografie ihr Ziel gefunden hat.
Schreiben ist die einzige Möglichkeit, abstraktes Denken auf abstrakte Weise sichtbar zu machen. Auch wenn das paradox klingt: Schreiben macht Denken sinnlich.
Im griechischen Logos-Text heißt es in einer Übersetzung: „Und das Wort ist Fleisch geworden – und wir haben seine Herrlichkeit gesehen.“ Das ist Verwandlung.
Hier in diesen Schriftbildern sind die Wörter Worte geblieben. Aber Ludwig Gruber deckt uns auf, welche sinnliche Schönheit ihre Gestalt zu bergen vermag.

Renate M. Mayer